"Kinder zeigen großes Interesse
an
naturwissenschaftlichen Phänomenen. Aber die Neugierde der Kinder
wird auf eine lange Geduldsprobe gestellt, bis sie in der Schule
Näheres
über die Themen erfahren, von denen sie als Kindergartenkids in
Fernsehsendungen
wie der "Sendung mit der Maus" oder "Löwenzahn" in Staunen
versetzt
worden sind." (Lück, Nachr. Chem. Tech. Lab. 46, 516 (1998) H.5).
In ihrer Habilitationsarbeit belegte die
Kieler Chemiedidaktikerin, dass Chemie bereits im Kindergarten
ausgehend
von altersgemäßen Experimenten erfolgreich unterrichtet
werden
kann.
Kinder lernen Natur als Ganzes kennen.
Sie unterscheiden dabei nicht zwischen belebter und unbelebter Natur,
und
Begriffe wie "Physik" und "Biologie" sind bei 4- bis 10-Jährigen
in
der Regel unbekannt, während sie mit dem Wort "Chemie" eher
negative
Vorstellungen verbinden.
Anders als in anderen Ländern haben
Zehnjährige in deutschen Schulen lediglich Biologie, während
sie mit Physik bzw. Chemie erst 2 oder 3 Jahre später beginnen.
Fächerübergreifende
Unterrichtsangebote sind die große Ausnahme.
Sehr häufig steht für Biologie
oder Chemie nur eine Wochenstunde zur Verfügung.
An der Alexander-von-Humboldt-Schule Lauterbach
(AVH) arbeitete eine Klasse 5 drei volle Tage im Klassenverband an dem
Projekt:
Untersuche deine Umwelt mit Spritzen und Heparin-Ampullen

Beim "Betanken" der Brenner konnte der
Lehrer einigen Kindern nachweisen, dass sie die Ampullen nicht
sorgfältig
genug gespült hatten: Der
Brennspiritus trübte sich
durch das Ausfällen von HeparinResten .
In der Neubeschaffung hätten die
verwendeten Gläschen etwa 200 DM gekostet.
Die Kinder erfuhren, dass die von ihnen
genutzten, dicht verschließbaren Ampullen bei der
Altglasaufarbeitung
kein Wertstoff sind: Trotz millionenteurer Sortierungs-Maschinen
gelingt
es bisher nicht, alle Gummistopfen und Aluminiumkappen aus dem
Weißglas
zu entfernen.
Wichtiger als die Ersparnis von 200 DM
ist der erzieherische Effekt dieses Wiederverwertens im Unterricht:
Recycling
hochwertiger Verpackung-Materialien mit seinen Poblemen und
Möglichkeiten
wurde buchstäblich "be-griffen".
Zu diesem Lernprozess gehörte es
auch zu erfahren, dass z. B. Spritzen grundsätzlich zum
Wiederverwenden
ungeeignet sind, also neu gekauft werden müssen:
Für Pfennig-Beträge erhielt
jedes Kind eine 1-ml-Insulinspritze
aus der Originalverpackung.
Bald war klar, dass man damit viel mehr
anfangen kann, als sich gegenseitig nasszuspritzen:
Als Mikro-Gießkanne dient die
Spritze
dazu, die rasch wachsenden Gersten-Pflanzen in den nächsten Wochen
täglich zu gießen.
Solche Spritzen haben extrem dünne
Nadeln und besitzen einen Rauminhalt von 1 Milliliter unterteilt in 40
Einheiten. Sie sind also ein sehr genaues Volumen-Messgerät,
mit dem der Rauminhalt der Ampullen und sogar der winzigen
Fruchtfliegen
ermittelt wurden.
Hier
bewährte
sich die neue Konzeption des Gymnasiums, Projekttage im Klassenverband
unter der Verantwortlichkeit der
Klassenlehrer/innen
durchzuführen:
11-Jährige
haben in der Schule noch nicht die zur Lösung der genannten
Aufgabe
erforderlichen Kenntnisse der
Bruchrechnung.
Durch die Anwesenheit des Mathematiklehrers ist die Gewähr
gegeben,
dass dieser fächerübergreifende
Unterrichtsansatz
genutzt werden kann.

Die Insulinspritze ist nicht nur ein
preiswertes,
weltweit erhältliches Volumen-Messgerät.
Gefüllt mit 1 ml Wasser wurden sie
auch als Gewichte beim Wiegen mit preiwerten ägyptischen Schülerwaagen
verwendet:
5-DM-Münzen bzw. 10-Gramm-Gewichte
wogen so viel wie 10 Spritzen voll Wasser.
Die Kinder bestimmten also - ohne diesen
Begriff genannt zu bekommen - die Dichte von Wasser und erkannten,
daß
1 ml Wasser ein Gramm wiegt.
Für Groschen waren 4 Spritzen
erforderlich,
1 Groschen ließ sich durch 2 Pfennige aufwiegen und 1 Pfennig
durch
2 Spritzen oder 10 Aluminiumkappen der kleinen Impfstoffgläschen.
Mit 5-DM-Münzen (10 g), Groschen
(4 g), Pfennigen (2 g), Aluminiumdeckel (1/5g) und Wassertropfen stehen
also Gewichte zur Verfügung.
Mit diesen Hilfsmitteln konnten die
Schüler
ihren ersten chemischen Versuch machen und feststellen, daß
Stahlwolle
beim Verbrennen schwerer wird.
Auf diesen Waagen wurde außerdem der Wassergehalt eines Kartoffel-Zylinders und eines vom Lehrer entkalkten Eies bestimmt.
Mit
Hilfe zweier gleich großer Metallstreifen aus Getränke-Dosen
(Al, Fe) konnten die Schüler mit den Händen begreifen und
auf der Waage messen, warum die beiden wichtigsten Gebrauchsmetalle
Leicht-
bzw. Schwermetalle heißen.
Die unterschiedliche
Wärmeleitfähigkeit
von Eisen und Aluminium erfaßten die Schüler/innen, indem
sie
die gleich langen Streifen mit Daumen und Zeigefinger beider Hände
in die Flamme ihrer Mikrobrenner hielten. Dabei wurden
auch
das eigenartige Schmelzverhalten des Aluminiums und die
unterschiedlichen
Verfärbungen der Metalle beobachtet.
Über dem Brenner kochten die
Kinder
zunächst Wasser, wobei sie hölzerne Wäscheklammern als
Reagenzglasklammern
verwendeten. Siedeverzüge wurden trotz der Abwesenheit von
Siedesteinen
weitgehend verhindert.
Durch Zugabe getrockneter
Malvenblüten
entstand ein rotes Anthocyan-Extrakt.
Erste Erfahrungen mit dieser Indikator-Lösung
sowie mit Neutralisation sammelten die Kinder, indem der Lehrer ihnen
ein
winziges Calcium-Körnchen in jedes Gläschen gab:
Die Grünfärbung der Kalkmilch
wurde durch Zugabe saurer Lösungen wieder rückgängig
gemacht.
Aus dem Verlauf dieser Projekttage wird
gefolgert, dass man bereits Elfjährigen mit einfachen Mitteln
Chemie
in Gestalt integrierter Naturwissenschaften zugänglich machen
sollte.